Es gibt Themen, über die wir erstaunlich wenig sprechen. Nicht weil sie unwichtig wären, sondern weil sie kulturell mit Scham aufgeladen sind. Der weibliche Körper in seinen Übergängen gehört dazu.
In einer Zeit, in der Selbstoptimierung beinahe zum gesellschaftlichen Grundrauschen geworden ist, wirkt es paradox, wie wenig Raum es gleichzeitig für ehrliche Gespräche über körperliche Veränderungen gibt. Vielleicht liegt das daran, dass es hier nicht nur um Wissen geht, sondern um Würde, Sprache und Selbstwahrnehmung.
Mehr als ein Gesundheitsratgeber
Beim Lesen von Age Like a Girl von Dr. Mindy Pelz wurde mir deutlich, dass dieses Buch weit mehr ist als ein Ratgeber zu Hormonen oder Ernährung. Es ist ein Versuch, Frauen wieder Zugang zu einem Wissen über ihren eigenen Körper zu geben, das lange als privat, peinlich oder nebensächlich behandelt wurde.
Und genau hier berührt das Buch für mich einen Punkt, der über medizinische Fragen hinausgeht: Es macht sichtbar, wie stark fehlende Sprache zu Unsicherheit führt – und wie schnell aus Unsicherheit Scham entstehen kann.
Wenn fehlende Sprache Scham erzeugt
Scham entsteht selten laut. Sie entsteht leise, zwischen Wahrnehmung und Bewertung.
Wenn ein Körper sich verändert und niemand darüber spricht, bleibt nur die eigene Deutung. Und die ist selten freundlich. Müdigkeit wird dann zur Schwäche, Gewichtszunahme zur Disziplinlosigkeit, Stimmungsschwankungen zur Unzuverlässigkeit. Und das nicht, weil das so stimmt, sondern weil es die einzigen Deutungsmuster sind, die kulturell verfügbar sind.
Für mich wird hier deutlich, warum fehlendes Körperwissen mehr ist als eine medizinische Lücke. Es ist eine kulturelle Leerstelle. Wenn wir für Übergänge keine würdige Sprache haben, entsteht schnell das Gefühl, mit diesem Übergang selbst nicht würdig zu sein.
Und vielleicht ist das einer der zentralen Punkte, die Age Like a Girl berührt: Nicht nur Hormone neu zu erklären, sondern Deutungsräume zu verschieben. Denn wenn ich verstehe, dass mein Körper nicht „abbaut“, sondern umstellt, nicht versagt, sondern neu reguliert – dann verändert sich meine innere Haltung. Wissen ersetzt zwar nicht jede Unsicherheit. Aber es nimmt ihr die moralische Schwere. Scham verliert an Kraft, wenn Einordnung möglich wird.
Zwischen Optimierungsdruck und Selbstachtung
Was mich beim Lesen besonders beschäftigt hat, ist die Frage, wie schnell auch gut gemeinte Gesundheitsratschläge in einen subtilen Optimierungsdruck kippen können.
Wir leben in einer Zeit, in der Selbstfürsorge oft als neues Leistungsprojekt daherkommt. Auch hier kann sich die alte Botschaft verstecken: Du musst deinen Körper richtig managen. Und doch liegt in dem Buch zugleich eine Gegenbewegung. Eine Einladung, sich wieder als wissende Person zu erleben. Nicht als Objekt medizinischer Korrektur, sondern als Subjekt mit "biologischer Intelligenz".
Vielleicht ist das der eigentliche würdige Moment: Wenn Frauen beginnen, ihre körperlichen Übergänge nicht mehr als Defizit, sondern als Phase zu begreifen.
Nicht alles daran fühlt sich gut an. Aber nicht alles muss beschämt werden.

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